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15. Februar 2011 2 15 /02 /Februar /2011 10:53

Indes begann zehn Kilometer entfernt der Werkunterricht mit dem Ziel, die motorischen Fähigkeiten der Zöglinge zu steigern. Dieser war bei den meisten Schülern äußerst beliebt, da einerseits keine besonders hohen geistigen Anforderungen gestellt wurden und andererseits der Unterricht von knapp vor der Pensionierung stehenden Lehrpersonen abgehalten wurde. Deren Ehrgeiz schien bereits verraucht und das einzige Interesse an dem zu unterrichtenden Gegenstand bestand darin für Beschäftigung zu sorgen, um in Ruhe eine Zeitung lesen zu können. Erst viel später war Littleman sicher, dass dieses Fach von verzweifelten Lehrern eingeführt worden war. Dies ermöglichte es ihnen nämlich sich an den Eltern zu rächen, deren unerzogene Kinder sie täglich ertragen mussten. Auf den ersten Blick vielleicht nicht erkennbar, sprechen die hergestellten Produkte mit denen Mütter und Väter im Laufe eines Schülerlebens überschwemmt werden eine andere Sprache.

Littleman freute sich auf die erste Unterrichtsstunde und erfuhr, dass zuerst mit dem allseits „beliebten“ Kartoffeldruck begonnen würde. Jeder Schüler erhielt dazu eine aus dem Budget des Unterrichtsministeriums finanzierte Kartoffel. Littleman wurde angewiesen daraus einen Stempel mit etwa 5x5 mm großer Druckfläche zu schneiden. Gleichzeitig wurde ihm ein Blatt in DIN A4-kariert überreicht. Der Lehrer erklärte ihm, er müsse nun Wasserfarben unterschiedlicher Tönung auf den vorbereiteten Stempel auftragen und diesen in je ein Feld des karierten Papiers drücken. Dadurch sollte ein buntes, geometrisches Muster geschaffen werden. Nach dem Ende der Stunde stellte er fest, dass gerade einmal ein 2 cm breiter Streifen den Bogen zierte. Der verstaubte Lehrer wies nun die Schüler an, den Rest zuhause fertigzustellen und zur Benotung kommende Woche wieder mitzubringen. Ab diesem Zeitpunkt war es den Eltern vorbehalten ihre Kinder mit einer ausreichenden Menge an Erdäpfeln zu versorgen. Die meisten Schüler arbeiteten so unökonomisch, dass von einer faustgroßen Kartoffel 97% Abfall und ein Stempel übriglieb, welcher womöglich gleich beim ersten Aufdrücken abbrach. Dies führte in der halben Stadt kurzfristig zu Engpässen bei diesem Nachtschattengewächs. Schlimmer war, dass nach Fertigstellung des Blattes alle Eltern genötigt wurden, diese aufzuhängen und es beim Betrachten immer wieder zu leichten Sehnervschädigungen und im schlimmsten Fall zum Auftreten epileptischer Anfälle kam.

Für das nächste Projekt war ein rustikaler Serviettenständer vorgesehen, der mit einer Laubsäge aus Sperrholz gefertigt werden sollte. Auch diesmal war der Arbeitsfortschritt in der einen Stunde Werken sehr gering, der Rest der Arbeit sollte wie üblich daheim erledigt werden. Für Kinderhände gestaltet sich schon alleine das Einspannen des hauchdünnen Sägeblattes als Hürde. Littleman fixierte es an der einen Seite der Laubsäge. Dann versuchte er den Bogen zusammenzudrücken, was sich als sehr kraftaufwändig erwies. Mit beiden Händen funktionierte es gerade noch, nun fehlte im eigentlich nur eine dritte, um die Schraube der anderen Klemmvorrichtung festzudrehen. Die Eltern mussten tief in die Tasche greifen, denn der Verschleiß an Sägeblättern war abnorm. Und das bevor überhaupt nur der erste Schnitt getan war. Endlich konnte er mit seiner Arbeit beginnen und nach fünf Auf- und Ab Bewegungen fielen ihm die mahnenden Worte des Lehrers ein, das Sägeblatt in regelmäßigen Abständen zu schmieren, am besten mit Seife. Binnen kürzester Zeit waren selbst die teuersten Toiletteseifen von tiefen Rillen übersäht. Schlimmer in Mitleidenschaft gezogen wurde jedoch das Mobiliar, genauer gesagt die Tische. Laubsägen ist eine Kombination aus ständig verrutschenden, widerspenstigen Holzplatten sowie dem trotzdem notwendigen, gefühlvollen Einsatz des Werkzeuges. Nach unzähligen Versuchen hatte Littleman diese zwei Parameter endlich in Einklang gebracht und das Sägeblatt fraß sich unaufhaltsam durch das Sperrholz. Krampfhaft presste er es auf den Tisch und merkte daher erst nach geraumer Zeit, dass an dessen Platte ein gebogener Schnitt zu erkennen war, der exakt die gleiche Krümmung wie das Seitenteil des Serviettenständers aufwies. Sein Adoptivvater war den Tränen nahe, doch da Littleman wenigstens einmal für die Schule solchen Eifer zeigte, beschloss er von handfesten Erziehungsmethoden abzusehen. Nachdem Littleman sich auch im letzten noch intakten Tisch verewigt hatte, war er fast am Ziel angelangt. Er musste sein Werk nur noch einfärben und verwendete dafür Beize nussbraun dunkel. Nach Beendigung der Arbeit zeigten neben dem Werkstück auch seine Hände, das Hemd und der Tisch, sowie ein Teil der Zimmerwand die Spuren seines ungebremsten Tatendranges. Schon tags darauf schmückte der hölzerne Ausbund an Hässlichkeit den ramponierten Esstisch. Sein Adoptivvater ein Liebhaber der Modernen und deren schlichten Formensprache erwiderte auf die Frage wie ihm der üppig verzierte Serviettenständer gefiele, „ich bin sprachlos.“ Am nächsten Tag wanderte das Stück übrigens zu den anderen Pretiosen kindlicher Handwerkskunst in einen eigens dafür angeschafften, inzwischen übervollen Schrank.

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