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20. August 2013 2 20 /08 /August /2013 22:05

Auch Paul fieberte der schönsten Zeit des Jahres entgegen. Seit Monaten hatte er Kataloge gesammelt und die richtigen Weihnachtsgeschenke angekreuzt. Die Kataloge stapelten sich. Erst wurden natürlich immer Spielsachen ausgesucht. Ein Mikroskop oder einen Chemiebaukasten oder das unglaubliche Detektivset mit Spiegelbrillen und Handschellen oder ein Flugzeug mit Fernbedienung. Vielleicht von Graupner oder für die Geizigen, Robbe. Die Cessna wäre schön, oder die Piper oder vielleicht doch nur ein Segelflugzeug. Paul zeigte die Broschüre seinem Onkel, der täglich mittags zum Essen  vorbeikam. Er war ein großartiger Bastler. Paul war eher unterdurchschnittlich schlecht in solchen Dingen. Der Klebstoff war sein Feind. Ebenso wie die Laubsäge und der Spannlack. Von Genauigkeit im Umgang mit Holz wollen wir gar nicht erst nicht sprechen. Der Onkel verneinte, da schon alleine die Fernsteuerung unerschwinglich schien. Er zog an seiner Zigarette und schüttelte den Kopf. Paul konnte den Geruch nicht ausstehen. Billig Mist. Würde er wenigstens eine Marlboro rauchen oder ähnlich dekadentes Kraut. Aber auch hier wurde gespart. Die Frau des Paschas rauchte Winston oder Kent. Das roch angenehmer.   Paul überlegte.  Was konnte er tun um ihn zu überzeugen, dass ein Freiflug-Modell lebensnotwendig war.

Er legte den Gedanken vorerst auf Eis und begann ein Geschenk für seine Großmutter auszuwählen. In der engeren Liste standen ein praktischer Messerschleifer, eine geniale Zickzackschere und ein innovativer Hautpfleger. Dazu sei gesagt, dass der Hautpfleger am teuersten war. Etwa eineinhalb Monate Taschengeld. Paul hatte vergessen zu sparen, was auch gut so war, denn Paul ahnte damals noch nichts über die Verwendung des stabförmigen Produkts, dass sich einen schöne Frau gegen das Gesicht drückte. Er war nie der Hellste, schon gar nicht in erotischen Angelegenheiten. Das änderte sich auch später nie.  Nun, da Gott sei es gedankt, sein Taschengeld für das Hautpflegeprodukt nicht ausreichte, wurde eben das zweitteuerste Geschenk bestellt. Die Zickzackschere, mit der widerspenstige Stoffränder nie mehr ausfransen würden.

Zurück zu seinem Geschenk an sich. Es sollte ein Flugzeug werden, am besten ein sehr großes. Nun erzählte ihm der Oheim an einem der folgenden Tage, er würde ihn kurz vor Weihnachten mit nach Mittenwald nehmen, um dort das größte Spielzeugwarengeschäft zu besuchen. Paul war aufgeregt. Die Tage bis dorthin schienen endlos. Am späten Nachmittag des zweiundzwanzigsten Dezember ging es dann los. Der Abend wurde deswegen gewählt, weil der Onkel hoffte, so den damaligen Zollkontrollen zu entkommen. Sie fuhren in die Nacht hinein. Es war kalt, dunkel und langweilig. Nach einer geglaubten Unendlichkeit waren sie dann dort angekommen. Spielsachen soweit das Auge blicken konnte. Von Modellbau bis zu Puppen, ob nun Spiele oder Puzzle, es war für jeden etwas dabei. Paul rannte durch alle Reihen um alles sehen zu können, um dann besser beurteilen zu können, welche Wichtigkeit einer Sache zugeordnet werden müsste. Treppauf, treppab. Es fielen ihm immer mehr Sachen auf, die er unbedingt sein Eigen nennen musste. Der Tag schien zu kurz, um all diese Eindrücke erfassen zu können. Und plötzlich sah er sie. Action Man. Die neue Sensation, die jeder dieses Jahr bekommen würde. Er hatte im Fernsehen schon die Werbung gesehen, aber niemals gedacht, er würde eine in Natura sehen. Der kühne Abenteurer, der Geschichten erleben konnte, ausgeliefert mit orangem Fallschirmspringeroverall und Fallschirm . In ganz geheimer Mission unterwegs. Noch viel cooler als James Bond. Den, den musste er haben. Der Onkel wurde gesucht und ihm wurde das Nonplusultra gezeigt. Sofortige Verneinung er die Rektion. Als Paul dann schon mit Tränen in den Augen dastand und  fast mit dem Fuß aufgestampft hätte, riss dem Oheim der Geduldsfaden und er erklärte ihm abermals, dass Puppen nur für Weiber wären und  er das nicht erlauben würde. Paul drängte dann in einem Anflug von Bitterkeit auf ein Modellflugzeug mit Fernbedienung. Der Onkel dampfte schon aus allen Körperöffnungen. Kurz ging er mit Paul zu den Modellen und nahm eine Verpackung mit einem Kabelrennauto aus dem Regal und drückte es Paul in die Hand. Ausgeredet. Es wurde bezahlt, Paul war nun Mittellos und es ging ab nach Hause. Die Fahrt verlief wortkarg. Enttäuschung hatte sich breit gemacht. Da es ja ein Weihnachtsgeschenk sein sollte, wurde es so eingepackt und erst am Heiligen Abend geöffnet. Heilig Abend. Paul hatte das Auto ausgepackt, oder sagen wir eher Autoteile. Es war ein Bausatz. Tausende von irgendwelchen Teilen Motoren und anderer Ramsch. Der Onkel baute es schließlich zusammen, Paul war zu dumm dazu, wobei er aber nicht zu dumm war zu bemerken, dass es nur eine Kabelfernbedienung war und das ein Reifen fehlte. So konnte er nie rausfinden, wie schnell der Schrott fahren konnte. Oh du Fröhliche.

Ein Monat später stand Paul in einem Spielzeugladen und kaufte sich ohne Oheim Action Man. In der Grundausstattung, mit Fallschirm, den nur wenige Jahre später der Pascha, ohne Pauls Wissen, herschenken sollte.

 

Seine Großmutter hatte sich riesig über die Zickzackschere gefreut und das freute Paul
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