Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
20. August 2013 2 20 /08 /August /2013 22:06

Littleman hatte tief im Inneren den Wunsch endlich erwachsen zu sein. Der erste Schritt dazu war, dass seine Geschwister und er wegen Platzmangels eine eigene Unterkunft zur Verfügung gestellt bekamen. Sie lag im Nebenhaus und war mit einem Gang, einer Art Nabeschnur, mit der elterlichen Wohnung verbunden. Diese Form der Selbständigkeit war herrlich. Die Mutter sorgte für Essen und frische Wäsche, der Vater für den finanziellen Hintergrund.

Das erste Frühjahr in den neuen Räumlichkeiten neigte sich dem Ende zu und Littleman träumte auf dem Balkon von den kommenden Sommerferien. Nicht ohne Grund. Ihm war bewusst, dass etwa 270 km südlich eine italienische Familie mit ihren drei Töchtern ebenfalls den Urlaub verbringen würde. Sie hatten sich im Vorjahr kennengelernt und Littleman fand Gefallen an einer von ihnen.

Die Pubertät zeigte erstmals ihre Zähne, und wird landläufig als jene Phase beschrieben, in der Buben nicht genau wissen, ob sie Mädchen küssen oder schlagen sollten.

Littleman war von schmächtiger Gestalt und, seine Hormone rieten ihm etwas dagegen zu unternehmen. Er wollte doch im Urlaub mit einem gestählten Körper beeindrucken. Ein kurzes Liegestütztraining führte nicht zum erwünschten Ergebnis, darüber hinaus war es auch anstrengend. Diesmal war ihm das Glück hold. Bei einem Besuch seiner Tante, die Zeitschriften mit Namen „Neue Post“ und „Das goldene Blatt“ bezog fand er die Lösung für sein Problem. Beim gelangweilten Durchblättern der Lektüre fielen ihm neben Lebensgeschichten Prominenter und royalem Tagesgeschehen sofort die dazwischen platzierten Werbeinschaltungen auf. Eine Folie, die Schwarzweiß- in Farbfernsehgeräte verwandeln sollte, oder eine Röntgenbrille, deren Verwendungszweck sich selbst erklärt und schließlich eine Muskelcreme, welche aus schmalbrüstigen Männern wahre Hünen machen würde. Littleman sog die Beschreibung, die wirksam mit einer schemenhaften Abbildung eines Bodybuilders geziert war, förmlich auf. Die Zeilen versprachen einen exorbitanten Muskelzuwachs innerhalb weniger Wochen. Das Produkt müsste nur abends auf den entsprechenden Körperpartien aufgetragen werden. Heimlich notierte Littelman die Anschrift des Versandhauses und bestellte tags darauf die verheißungsvolle Muskelcreme. Er war nun erwachsen und dank des monatlichen Taschengeldes finanziell unabhängig. Trotzdem musste er für die Kosten von 40 Schilling auf seine Reserve zurückgreifen. Die Wartezeit war unerträglich, jeden Tag erkundigte er sich, ob Post für ihn angekommen war. Endlich, nach etwa einer Woche hielt er ein kleines Paket in Händen und erklärte jedem der nach dem Inhalt fragte, es wäre nichts Besonderes. Eingeschlossen in seinem Zimmer riss er aufgeregt die Verpackung und fand darin eine unscheinbare, weiße Kunststoffdose mit Schraubverschluss. Nur das Etikett verriet den Inhalt – Muskelcreme. Littleman öffnete den Deckel und blickte auf eine zartgrüne, pastöse Masse, die frisch duftete. Am Abend rieb er seine Arme und den Oberkörper damit ein, nicht ohne vorher seine Körpermaße zu notieren. Er wollte schließlich nach Abschluss der Behandlung eine Vergleichsmessung durchführen.

In den kommenden Wochen verströmte er den Geruch eines WC-Lufterfrischers mit Tannenduft, dennoch zeigte sich tatsächlich eine Veränderung. Der Placeboeffekt hatte sich eingestellt, Littleman glaubte zu sehen, wie seine Muskelmasse langsam zunahm. Seine Körperhandlung ähnelte jenem der nächsten Verwandten aus dem Tierreich. Kurz vor der geplanten Fahrt in den Urlaub war die Creme aufgebraucht und er konnte es kaum erwarten das Ergebnis der Messung zu sehen. Er legte das Band um seinen Oberarm, spannte den Muskel an, las das Ergebnis und wurde bleich. Nichts, er sah auf die Zahl, blickte kurz auf den Zettel und musste feststellen, dass beide Ziffern identisch waren. Nervös fingerte er am Maßband herum, versuchte angestrengt ein wenig mehr an Umfang aus seinem Bizeps herauszuquetschen, vergeblich. Es gab nur eine Möglichkeit, er müsste den Urlaub alleine zuhause verbringen. Seine Eltern sahen die Sache natürlich etwas anders und so saß er eine Woche später auf der Rücksitzbank des Autos, das Richtung Süden unterwegs war.

Littleman musste an das hübsche, blonde Mädchen denken, dass er in einigen Stunden wieder sehen würde und überlegte, ob es nicht doch besser gewesen wäre, die Röntgenbrille zu bestellen.

Diesen Post teilen
Repost0

Kommentare