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15. Februar 2011 2 15 /02 /Februar /2011 10:54

Paul musste integriert werden. Eine Schule musste her. Im örtlichen Gymnasium wurde er als persischer Bastard natürlich abgelehnt. Solche Leute mochte man dort nicht haben. Asiatische Ausländer waren definitiv zu blöd um altgriechisch oder Latein zu lernen, so meinte man allgemein. Paul indes war froh, da er aus eigener Erfahrung wusste, dass man in Gymnasien sehr viel lernen musste. Plus vieler Fremdsprachen. Vermutlich unterrichteten sie auch noch Evangelisch. Nein, nein. Einmal war bereits peinlich genug. Und auf das Lernen war er sowieso nicht mehr so scharf. Wähnte er doch den Pascha zu fern um tatsächlich maßgebend ins Geschehen eingreifen zu können. Er grinste breit übers Gesicht, als er die frohe Botschaft hörte. Hätte er sich besser bemüht da rein zu kommen. Vermutlich wäre sein Leben anders verlaufen. Oder sollte man sagen, sicher. Die Siebziger waren in vollem Gange. Freie Liebe und er, Paul, in einer neuen Schule. Hauptschule. Oha, was las er da, Knabenhauptschule. Was sollte das denn für ein schwuler Ausdruck sein? Knabenhauptschule Solbad Hall? Sollte das heißen, keine Weiber? Keine Tussen? Nichts zum anlehnen, drücken oder knutschen. Mit wem sollte er ab jetzt Händchen halten?  Oder war das vielleicht auch nur ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen, wie eben „Solbad“. Gesolt wurde schon lange nicht mehr. Zu teuer hieß es. Na egal, vielleicht gab es ja doch die Eine oder Andere vom zarten Geschlecht. Essig. Die nächste Mädchenschule war gut anderthalb Kilometer entfernt.  Bei Nonnen. Bei Nonnen !!! Was war denn das? Sollten jetzt alle Mädchen zu Nonnen umerzogen zu werden. Nonnen kannte Paul nur aus dem Fernsehen. Die fliegende Nonne. Oder  die Trapp Familie. Solche  wollte er eigentlich keine. Ingrid ging dort zur Schule. Da musste er einmal nachhaken. Aber die war sowieso so ein Rührmichnichtan. Er betrat die ihm zugewiesene Klasse. Trotz seiner hervorragenden Zensuren  wurde ihm vom Direktor  der C-Zug zugewiesen. Die Klasse für Ausländer und Lernschwache. Er wurde vorgestellt und nahm Platz. Kurioser Weise konnte er keine Ausländer ausmachen. Während dieser Stunde brillierte er mit einem außergewöhnlichen Wissen. Als gegen Ende der erboste Rektor die Klasse betrat und den Lehrer vorwurfsvoll rügte, warum er den „Den“ in den A-Zug genommen hätte, wo er doch wissen müsse, dass „solch Einer“ nur in den C-Zug zu gehen habe, rechtfertigte der Lehrer, dass Pauls Wissen dem seiner Schüler um Hausecken, gar Wohnsiedlungen voraus wäre. Paul brauchte nicht sehr lange um die gern zitierte Latte, so tief zu legen, dass er seinen Level dem der übrigen Klasse angeglichen hatte. Er wollte nicht mehr auffallen. Er versuchte in der Masse unter zu gehen. Seine exzellente deutsche Aussprache ersetzte er dabei durch derben Dialekt. Sein Wissen durch bescheidene Unwissenheit. Obwohl Beides gar nicht so einfach war. Den Tölpel vom Land heraushängen zu lassen war schwieriger als er dachte. Aber mit viel Mühe schaffte er es dann doch. Wobei etwas ihn ganz melancholisch stimmte. Er wurde bereits am ersten Schultag nach dem Unterricht hinter der Schule verhauen. Gleich mehrmals hintereinander. Freunde die ihm hätten beistehen sollen hatte er keine. Und in den Sommerferien hatte er sicherlich zwanzig Kilos zugenommen, was sein Watschengesicht zweifelsohne noch hervorhob. Danach fühlte er sich zum ersten Mal richtig Zuhause.

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