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6. August 2013 2 06 /08 /August /2013 20:35

Während Paul sich mit der ersten Finanzkrise in seinem noch jungen Leben herum-schlagen musste, plagten Littleman ebenfalls Existenzängste. Wie bereits im Abschnitt „Kartoffel-Everest“ erwähnt, glaubte er ständig als jüngstes von vier Kindern verhungern zu müssen. Obwohl sein erster Versuch zur Selbstversorgung unter einer Lawine von Gnocchi endete, war der Urtrieb einfach stärker. Zum Glück begann die Lebensmittelindustrie langsam die Gesellschaft mit Fertiggerichten und Tiefkühlprodukten zu überschwemmen. Seine Wahl viel auf eine Packung Kroketten, deren Abbildung eine wahre Gaumenfreude zu bieten schien. Es dauerte zum Glück nicht sehr lange bis seine „Fressfeinde“ alle außer Haus waren. Sogleich holte er die gut im Kühlfach versteckte Packung mit zittrigen Händen heraus und begann die Anwei-sung für die Zubereitung zu studieren. Aufgrund der enormen Vorfreude war seine Aufnahmefähigkeit stark vermindert und so las er nur Pfanne, Öl, 10 min. schwimmend herausbacken. Sogleich füllte er einen Liter feinstes Pflanzenöl in einen Topf, den er auf die Herdplatte stellte. Littleman riss nun ungeduldig die Verpackung auf und gab die von einer Panade überzogenen Kroketten in das Öl. Zu guter Letzt schaltete er den Herd ein, um mit großen Augen auf die Verwandlung in einen goldbraun gebackenen Leckerbissen zu warten. Nach 5 Minuten begann der Ölstand der Pfanne augenscheinlich zu sinken, während die Semmelbrösel dramatisch aufquollen. Zuerst dachte er an ein Loch in dem Kochgeschirr, doch plötzlich, das Öl wurde nun endlich heiß bemerkte er eine Metamorphose seiner Kroketten. Sie schienen sich ihrer schmackhaften Kleidung entledigen zu wollen, bis kurz vor Ablauf der an-gegeben 10 Minuten schließlich nur mehr die leeren Hüllen obenauf schwammen. Nach der ersten Enttäuschung fing er das Kartoffel-/ Panadegemisch heraus. Das Gericht hatte mit dem auf der Packung abgebildeten keinerlei Ähnlichkeit. Littleman blieb nur noch die Hoffnung, dass wenigstens der Geschmack seinen Vorstellung entsprechen würde. Doch schon nach dem ersten Bissen musste er feststellen, dass er in der kulinarische Hölle gelandet war. Während das Innenleben der Kroketten von undefinierbarer Konsistenz gewesen war, befand sich in deren Ummantelung ein Ölvorkommen, welches ergiebiger schien, als das eines saudiarabisches Bohrfeldes. Nach etwa einem Drittel der Portion war Littlemans Leidensfähigkeit und die seiner Galle überschritten. Während er noch damit rang den Mageninhalt bei sich zu behal-ten nahm er die Packung und las „die Kroketten in das erhitzte Öl geben…“. So erlebte in diesem Jahr nicht nur die Welt sondern auch er selber die erste große Ölkrise.

Doch so leicht wollte er sich nicht geschlagen geben. Rettung nahte in Gestalt seiner Tante, die ihm vorschlug, gemeinsam einen simplen Kuchen zu backen. Als Zutaten wurden nur Mehl, Zucker, Eier, Margarine und etwas Backpulver benötigt, die einfach alle einfach zusammengerührt werden mussten. Den Teig leerten sie in ein kleine Kastenform und schoben ihn ins Backrohr. Später wurde der fertige Kuchen in der Länge durchgeschnitten und mit etwas Marillenmarmelade bestrichen. Das Ergebnis war eine wohlschmeckende, nahrhafte Mehlspeise.

Einige Tage später – die Familie war nicht zuhause – da sollte das Unternehmen Sandkuchen starten. Er nahm die Notiz mit den Zutaten zu Hand und begann diese im Vorratsraum zu suchen. Als er bei dem Posten „Mehl“ angelangt war, musste er feststellen, dass es sich hierbei nur um eine Art Überbegriff handeln konnte. Die unzähligen Behältnisse waren mit Etiketten versehen auf denen zu lesen stand: Weizenmehl glatt, griffig doppelgriffig, Roggenmehl und zum Schluss stand noch eine Dose mit der Aufschrift Stärkemehl im Regal. Im ersten Moment war Littleman einfach ratlos, doch nach kurzer Überlegung siegte der menschliche Geist über die Materie. Stärke, so fand er, wurde immer mit etwas Positivem assoziiert. Schließlich lautete damals ein Werbeslogan auch „pack den Tiger in den Tank“.

Also griff er zielsicher nach dem Stärkemehl in der Hoffnung, dass dies zum ultimativen Geschmackserlebnis führen würde. Anschließend vermischte er alle Zutaten wie auf dem Rezept angegeben. Nachdem er die Kastenform mit dem Teig gefüllt hatte, schob er sie in das vorgeheizte Backrohr. Die Spannung war unerträglich und als endlich nach der vorgegebenen Backzeit die Küchenuhr läutete blickte Littleman erwartungsvoll durch das Glas der Backofentüre. Irgendetwas war anders. Er nahm die Backform heraus und erkannte auf einmal, dass zwar die Farbe des Kuchens der des Originals entsprach, nicht jedoch dessen Höhe. Das Backwerk war keinen Millimeter aufgegangen, wog dafür aber so viel wie ein Kleinwagen. Wiederum blieb im nichts wie die Hoffnung, dass wenigstens der Geschmack nicht darunter gelitten hatte. Nun wollte er den Kuchen durchschneiden, um die Marillenmarmelade auftragen zu können. Bei diesem vergeblichen Versuch brachen drei Zacken des Wellenschliffmessers aus, das Gebäck jedoch blieb unbeschadet. Es schien als ob ihm gelungen wäre ein massereiches Gebilde zu erschaffen, das kurz davor war unter der eigenen Schwerkraft zusammenzustürzen, um anschließend als Supernova zu explodieren.

Nachdem 2 Möbelträger nötig waren um den Kuchen aus der Wohnung zu schaffen, wurde Littleman der Zutritt zur Küche auf unbestimmte Zeit verwährt

 

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